Reisszeuge

Aarauer Reisszeugindustrie

Während beinahe 190 Jahren wurden in Aarau Reisszeuge und mathematische Instrumente hergestellt und in die ganze Welt exportiert. Die Anfänge gehen auf den Mechaniker Ludwig Esser zurück, der 1803 von Strassburg nach Aarau übersiedelte, wo er eine Werkstätte für die Herstellung mathematischer und physikalischer Instrumente eröffnete. Dass es Ludwig Esser gerade nach Aarau zog, war dem Seiden­insdustriellen Johann Rudolf Meyer zu verdanken, der Ludwig Esser während dessen Militäreinsatz mit den französischen Truppen in der Schweiz kennengelernt hatte. Meyer, der sich auch für die Kartographie in der Schweiz einsetzte, erkannte damals die Bedeutung qualitativ hochwertiger Vermessungs- und Zeichen­instrumente für das Vermessungs­wesen, weshalb er mit Ludwig Esser einen begabten Mechaniker und Instrumentenbauer nach Aarau holte.

Reisszeug Ludwig Esser

Reisszeug von Ludwig Esser (ca. 1820)

Das grosse Verdienst von Ludwig Esser, der es in seiner neuen Heimat schnell zu einigem Erfolg brachte, war zweifellos, dass er die Stadt Aarau für die Herstellung qualitativ hochwertiger Instrumente national und international bekannt gemacht hat. Das hat es seinen Nachfolgern Jakob Kern, Friedrich Gysi und Friedrich Hommel-Esser, alles ehemalige Lehrlinge von Ludwig Esser, relativ einfach gemacht, in Aarau eine eigene Werkstatt für Reisszeuge zu betreiben. Während Kern und Gysi nach längerer Wanderschaft nach Aarau zurückkehrten, um dort eine Werkstatt zu eröffnen, übernahm Friedrich Hommel, der eine Tochter von Ludwig Esser geheiratet hatte, bereits mit 23 Jahren das Geschäft seines früh verstorbenen Schwiegervaters.

Von den drei Nachfolgern Ludwig Essers war es dann Jakob Kern, der die grösste Weitsicht hatte. Wegen der grossen Strassen- und Eisenbahnprojekte, die in der Schweiz im 19. Jahrhundert anstanden, stieg der Bedarf an Vermessungs­instrumenten. Dies bewog Jakob Kern schon früh dazu, nicht nur Zeichen­instrumente, sondern vermehrt auch Vermessungs­instrumente, d.h. Theodoliten und Nivelliergeräte, herzustellen. Dabei kam ihm sein auf der Wanderschaft erworbenes Wissen im Bereich optischer Instrumente zweifellos zu Gute. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Firma Jakob Kerns im 19. Jahrhundert deutlich schneller wuchs als diejenige von Gysi oder Hommel-Esser. Hinzu kam, dass gerade bei den Reisszeugen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr deutsche und amerikanische Unternehmen mit billigen Produkten auf den Markt drängten.

Aarauer Reisszeugindustrie

Unternehmen der Aarauer Reisszeugindustrie

Die Firmen Gysi und Hommel-Esser hatten stark unter der Konkurrenz aus Deutschland und Übersee zu leiden. Dies führte dazu, dass beide Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Geschäfte nicht mehr im herkömmlichen Rahmen weiterführen konnten. Hommel-Esser wurde verkauft und produzierte unter dem Namen F. Rohr-Bircher an einem neuen Standort noch einige Jahre Reisszeuge. Noch schlechter erging es der Firma Gysi. Nachdem das Fotogeschäft der Familie bereits 1913 vom ehemaligen Mitarbeiter Wilhelm Hegert übernommen wurde, musste die Reisszeugfabrikation etwa um 1915 eingestellt werden. Eine Wiederaufnahme der Geschäfte nach dem ersten Weltkrieg durch die Glaus, Leuzinger und Cie. scheiterte schon nach kurzer Zeit. Dasselbe Schicksal ereilte die Firma Kern erst sehr viel später. Im Jahre 1987 wurde die Reisszeugfabrikation aufgegeben und vier Jahre später, als Kern bereits zum Wild-Leitz Konzern gehörte, wurde der traditionelle Betrieb in Aarau ganz geschlossen.

Zirkelkopf

Konstruktion des Zirkelkopfs

Konstruktion des Zirkelkopfs (aus: 120 Jahre Kern Aarau 1819-1939)

Die Aarauer Reisszeugindustrie war im 19. Jahrhundert massgeblich an der Weiterentwicklung und Perfektionierung der Zirkelkonstruktion beteiligt. Ihre Zirkel trugen die Bezeichnung Aarauer Zirkel oder Schweizer Zirkel und waren weltweit ein Begriff für Qualität und Präzision.

Im 18. Jahrhundert wurden die Schenkel der Zirkel meist nur mit einer Niete oder Schraube verbunden. Es war kaum möglich, den Gang des Zirkels zu regulieren. Beim Aarauer Zirkel werden die Schenkel mit einem konischen Stift zusammengehalten und der Gang lässt sich über eine Schraube sehr fein regulieren. Bis etwa 1850 hatten die Aarauer Firmen eine absolute Monopolstellung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen amerikanische, deutsche und französische Hersteller, die Schweizer Form praktisch unverändert zu übernehmen. Die Schweizer Reisszeugindustrie konnte sich nur dank hoher Qualität weiterhin behaupten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts patentierten die deutschen Firmen Riefler und Richter Zirkelkonstruktionen, die sich wesentlich günstiger industriell fertigen liessen als die Schweizer Zirkel, welche bei der Herstellung viel Handarbeit erforderten. Während die Firma Riefler das Rundsystem mit den Steckverbindungen, welches 1892 patentiert wurde, bis zum Ende der Reisszeugproduktion beibehielt, wurde das Flachrundsystem der Firma Richter, welches bereits 1877 patentiert worden war, ab dem 20. Jahrhundert von allen übrigen Herstellern von Reisszeugen übernommen. Dies bedeutete das endgültige Ende der dominierenden Stellung der schweizer Reisszeugindustrie. Von den Aarauer Unternehmen konnte sich nur die Firma Kern als Herstellerin von Reisszeugen längerfristig auf dem Markt behaupten, nachdem auch sie das System der Firma Richter übernommen hatte.

Referenzen

[1]

Kern & Co. AG

120 Jahre Kern Aarau 1819–1939. Aarau (1939).
[2]

Neue Zürcher Zeitung

Der erste Instrumentenmacher von Aarau. In: Neue Zürcher Zeitung, 29. Juli 1942 (Mittagsausgabe). Zürich (1942).
[3]

A. Lüthi et. al.

Geschichte der Stadt Aarau. Aarau/Frankfurt (1978).
[4]

P. Vogel

Jakob Kern 1790–1867. In: Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 33. Verein für Wirtschaftshistorische Studien, Zürich (1980).
[5]

P. Vogel

Das Lebenswerk Jakob Kerns. 160 Jahre Kern Aarau. In: Aarauer Neujahrsblätter 54/2. Aarau (1980).
[6]

H. Aeschlimann

Kern und Co. AG Aarau. Werke für Feinmechanik, Optik und Elektronik. Industriekultur im Kanton Aargau 46. Schweizerische Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur (2005).