Betschmanns Aerovue-Karten

Aerovue-Karte Berneroberland

Der Graphiker, Maler und Lithograph Otto Betschmann (1884-1959) entwickelte in den 1920er Jahren ein Verfahren zum Zeichnen von sogenannten Vogelschaukarten. Diese Karten waren vor allem für den Tourismus gedacht. Im Gegensatz zu zentralperspektivischen Karten, welche für diesen Zweck meist verwendet wurden, stellt Betschmanns Verfahren das Gelände aber massstabgetreu dar.

Betschmann

Orthogonale Parallelprojektion (oben) und schräge Parallelprojektion (unten)

Auf Betschmanns Vogel­schaukarten wird das Gelände als Parallel­projektion dargestellt, aber nicht wie bei normalen Karten senkrecht zur Bildebene (orthogonale Projektion), sondern schräg. Dadurch werden Gelände­erhebungen in einer seitlichen Ansicht dargestellt, je nach Projektionswinkel mehr oder weniger stark überhöht. Steile Hänge können im Extremfall komplett durch das davorliegende Gelände verdeckt werden.

Betschmann wählte für seine Vogelschaukarten einen Projektionswinkel von 45° sowie eine Blickrichtung auf das Gelände von Süden. Der nördliche Horizont bildete dabei den Hintergrund. Dies entspricht einer natürlichen Beleuchtung des Geländes durch die Sonne. Zusammen mit der Schattierung bis hin zu Schlagschatten ergibt dies eine äusserst plastische Darstellung der Landschaft.

Kartenausschnitt

Da Parallelprojektionen distanztreu sind, sind Distanzmessungen auf ihnen grundsätzlich möglich, allerdings nur zwischen zwei Punkten, die auf derselben Höhe liegen. Besteht eine Höhendifferenz, muss die aus der Karte herausgelesene Distanz korrigiert werden. Die Verwendung von Parallelprojektionen für die räumlichen Visualisierung war damals nicht grundsätzlich neu. Im Ingenieur­wesen und in der Archietktur war es üblich, dreidimensionale Objekte so darzustellen. Dennoch konnte Betschmann das Verfahren in der Schweiz und in Frankreich patentieren lassen, da es für Kartendarstellungen bisher kaum verwendet wurde.

Das Ziel von Betschmann war es, massstäblich korrekte Karten herzustellen, die für Ungeübte einfacher lesbar waren als die üblichen orthogonal projizierten Karten. Betschmanns Karten erschienen im Verlag Conzett & Huber im Massstab 1:50 000 unter der Bezeichnung Aerovue-Karten. Dass insgesamt nur sechs verschiedene Karten hergestellt wurden, war wohl nicht zuletzt eine Folge der neuen Landeskarten, welche ab 1938 herausgegeben wurden und ebenfalls eine plastische Geländeschattierung aufwiesen.

Kartierungsvorrichtung von Betschmann und Coradi

Für die Konstruktion der Aerovue-Karten müssen Geländepunkte je nach ihrer geographischen Höhe mehr oder weniger stark verschoben werden, wobei die Verschiebung proportional zur Höhendifferenz des Punktes zu einer Referenzhöhe ist. Liegen beispielsweise drei Punkte A, B und C auf den Höhen 500 m, 600 m und 700 m, und wird der Punkt B gegenüber dem Punkt A um die Distanz d verschoben, so muss der Punkt C gegenüber A um die doppelte Distanz verschoben werden. Da Betschmanns Karten im Massstab 1:50 000 und unter Verwendung eines Projektionswinkels von 45° gezeichnet wurden, beträgt diese Verschiebung 2 mm pro 100 m Höhendifferenz.

Coradis Pantograph (aus: Coradi Patent Nr. US 1943205)

Gottlieb und Oswald Coradi konstruierten einen Apparat, welcher die Ausführung von Betschmanns Kartenprojektion unterstützte. Dieser bestand im Wesentlichen aus einem Pantographen sowie einem verschiebbaren Zeichentisch. Der Pantograph erlaubte es, Höhenkurven aus einer Vorlage auf die neu zu zeichnende Karte zu übertragen und allenfalls auch den Massstab der Karte zu ändern. Mit dem verschiebbaren Zeichentisch konnte die zu zeichnende Höhenlinie entsprechend ihrer Höhe verschoben werden. Da der Zeichentisch zusätzlich drehbar war, konnte auch die Verschiebungsrichtung eingestellt werden. Den Apparat liessen Gottlieb und Oswald Coradi in Grossbritannien und den USA patentieren.

Referenzen

[1]

B. Jenny

Otto Betschmanns Aerovue-Karten. Cartographica Helvetica, Heft 38 (2008), S. 13-20.
[2]

O. Betschmann

Kartierungsverfahren. Patent Nr. CH 121128. Eidgenössisches Amt für geistiges Eigentum (1927).